Zu den berüchtigtsten Seeräuberinnen gehörte die britische Piratin Mary Read (1690–1720), die ein ungewöhnliches und abenteuerliches Leben führte. Bereits als Mädchen lebte sie als Junge verkleidet, später kämpfte sie als „Mann“ todesmutig unter Soldaten und Piraten. Die Hinrichtung als Seeräuberin blieb ihr erspart, weil sie nach ihrem Prozess und ihrer Verurteilung an einer Krankheit starb.

Mary Read wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt in Devon County (England) geboren. Ihre Mutter war mit einem Mann verheiratet, der kurz nach der Hochzeit zur See fuhr und sie mit einem Kind unter dem Herzen zurückließ, das sich nach der Geburt als Junge herausstellte. Der Vater kehrte nach einer Fahrt nicht mehr zurück.

Die junge Mutter wurde bald wieder schwanger. Von wem das Kind stammte, wusste nur sie. Um vor den Verwandten ihres Mannes ihre Schande zu verbergen, verabschiedete sie sich von diesen und erklärte, sie wolle mit einigen Freunden auf dem Land leben. Bei der Abreise nahm sie auch ihren weniger als ein Jahr alten Sohn mit. Bald danach starb der Junge, und es kam ein Mädchen zur Welt, das den Namen Mary Read erhielt.

Die Mutter lebte drei oder vier Jahre lang in ihrem Asyl, bis ihr Geld allmählich zur Neige ging. Dann kleidete sie das Mädchen wie einen Jungen, besuchte die Schwiegermutter und gab das Kind als Sohn ihres Gatten aus. Die alte Frau hätte den vermeintlichen Enkel gerne aufgezogen, doch die Mutter sagte, ihr würde es das Herz brechen, sich von dem Kind zu trennen. Deshalb einigten sich beide, dass das Kind bei seiner Mutter leben und die „Großmutter“ wöchentlich eine Krone zu seinem Unterhalt beisteuern sollte.

Fortan zog die Mutter das Mädchen als „Jungen“ groß. Als nach dem Tod der Schwiegermutter deren finanzielle Unterstützung ausblieb, musste die 13-jährige Mary bei einer französischen Dame als Lakai arbeiten. Diese Tätigkeit übte sie jedoch nicht lange aus, sondern heuerte auf einem Kriegsschiff als Seemann an. Einige Jahre später zog sie nach Flandern (Belgien), wo sie in einem Infanterieregiment diente und bei Gefechten tapfer kämpfte.

Danach ließ sich Mary Read von einem berittenen Regiment als Soldat anwerben und gewann im Kampf die Achtung ihrer Offiziere. Damals verliebte sie sich in den jungen Corporal May Studevant, begleitete ihn ohne Befehl und begab sich oft seinetwegen in Gefahr. Als sie im selben Zelt lagen, offenbarte sie ihm ihr wahres Geschlecht. Sie verlobten sich, und nach dem Ende des Feldzuges kauften sie Frauenkleidung für Mary und wurden öffentlich getraut.

Das Paar quittierte den Militärdienst und eröffnete unweit der Festung von Breda ein Lokal namens „Three Horseshoes“, in dem viele Offiziere einkehrten. 1716 starb Marys Mann, und bald kamen nicht mehr viele Offiziere nach Breda, weshalb die Witwe das Lokal schloss, wieder Männerkleidung anzog und sich in einer niederländischen Grenzstadt von einem Infanterieregiment anwerben ließ.

Von der Infanterie nahm Mary bald Abschied. Sie heuerte 1710 als „Mann“ auf einem niederländischen Sklavenhändlerschiff mit Kurs auf die Karibik an. Das Schiff mit Mary Read an Bord fiel unterwegs in die Hände von britischen Piraten unter der Führung von Charles Vane (gest. 1719) und wurde geplündert. Vor die Wahl gestellt, mit den gefangen genommenen niederländischen Seeleuten auf einer einsamen Insel ausgesetzt zu werden oder mit den Piraten als einziger Engländer weiterzusegeln, blieb Mary bei den Freibeutern und wurde in der Folgezeit ihre Komplizin.

Als der englische König später allen Piraten, die sich bis zu einem bestimmten Tag freiwillig ergeben würden, die Begnadigung anbot, machte die Mannschaft, der Mary Read angehörte, von dieser Möglichkeit Gebrauch und ging an Land. Nachdem den Seeräubern das Geld ausging, folgten sie dem Ruf von Kapitän Woodes Rogers (gest. um 1732), des Gouverneurs der Insel Providence, der einige Kaperfahrer gegen die Spanier ausrüsten wollte.

Bald nach dem Auslaufen erhoben sich einige Mannschaften gegen ihre Kommandanten und übten wieder ihr altes Gewerbe aus. Darunter waren auch die wieder als Mann verkleidete Mary Read und Anne Bonny (gest. 1720), die neben Mary als die berühmteste Piratin gilt. Anne verliebte sich in Mary und entdeckte als erste ihr weibliches Geschlecht. Da Annes Liebhaber, Kapitän John „Calico Jack“ Rackham, aus Eifersucht drohte, er würde ihrem vermeintlichen Liebhaber die Kehle durchschneiden, weihte sie ihn in das Geheimnis ein, das auch er hütete.

Bei ihren Kaperfahrten nahmen die Piraten auch einen jungen Burschen auf ihr Schiff, in den sich Mary Read verliebte. Bei passender Gelegenheit ließ sie ihm ihre weißen Brüste sehen, worauf er ihre Gefühle erwiderte und sie sich ihm offenbarte. Als ihr Liebhaber nach einem Streit mit einem Piraten fechten sollte, brach Mary mit Letzterem einen Streit vom Zaum und setzte zwei Stunden vor dem geplanten Duell einen Kampf mit Degen und Pistole an, wobei sie ihren Gegner tötete. Nach diesem Vorfall schworen sich Mary und ihr Liebhaber einander ewige Treue.

Im November 1720 überrumpelte ein Kriegsschiff Kapitän John Rackham und seine Seeräuber auf ihrem Schiff „Revenge“, das vor Jamaika ankerte. Die angeheiterte Mannschaft verkroch sich feige unter Deck, nur Mary und Anne leisteten erbitterten Widerstand. Aus Wut schoss Mary auf ihre eigenen Kumpane und tötete einen davon.

Trotz der Gegenwehr von Mary und Anne geriet die komplette Mannschaft der „Revenge“ in Gefangenschaft. Kapitän Rackham, Mary Read, Anne Bonny und die übrigen Piraten wurden am 28. November 1720 in St. Jago de la Vega auf Jamaica zum Tod durch den Strang verurteilt. Nur Marys Liebhaber, den sie als ihren Gatten bezeichnete, sprach man frei.

Wegen der Schwangerschaft von Mary Read und Anne Bonny schob man deren Hinrichtung auf. Bald nach ihrem Prozess befiel Mary ein heftiges Fieber und sie starb im Gefängnis. Das weitere Schicksal von Anne Bonny ist ungeklärt, sicher ist nur, dass man auch sie nicht hingerichtet hat.
Als einzige authentische Schilderung des Lebens von Mary Read gilt das Werk „A General History of the Robberies and Murders of the most notorious Pyrates and also their Policies, Discipline and Government“ (1724). Unter dem Pseudonym des Verfassers, Captain Charles Johnson, verbarg sich kein Geringerer als der britische Journalist Daniel Defoe (1659/1660–1731), von dem der Roman „Robinson Crusoe“ stammt.

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